LEITARTIKEL

40 Jahre deutsche Entwicklungszusammenarbeit – wo stehen wir?

Ein Interview mit Prof. Dr. Michael Bohnet, Abteilungsleiter a.D. im Bundeministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Ulrich Nitschke: Worin sehen Sie heute die größten Herausforderungen für Politik und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit?

Prof. Dr. Michael Bohnet:  Die Nahrungsmittelkrise und der Klimawandel hängen eng zusammen. Die Kipppunkte des Erdsystems sind bereits überschritten. Der Sektor der internationalen Entwicklungszusammenarbeit muss dafür Anpassungsstrategien erarbeiten. Ferner müssen Frühwarnsysteme, Katastrophenvorsorge und Klimaversicherungen stärker in den Fokus gerückt und eingerichtet werden. Erneuerbare Energien müssen gefördert und Energieeffizienz gesteigert werden. Zudem sollten den Tropenwald- und Gewässerschutz sowie der Schutz der Artenvielfalt absolute Prioritäten sein. Und dann -meistens vergessen- Familienplanung. Deutschland gibt in seiner bilateralen Zusammenarbeit derzeit ein Prozent für Familienplanung aus, obwohl das Wachstum der Weltbevölkerung so rasant voranschreitet. Eine weitere große Aufgabe ist die Förderung einer wassereffizienten und biologischen Landwirtschaft und die Förderung von Kleinbauern. Strategisch sollte die Entwicklungszusammenarbeit fragile Staaten in den Fokus rücken. Wir geben derzeit nur 20 Prozent unserer Entwicklungszusammenarbeit für die ärmsten und fragilen Staaten aus, obwohl immerhin 1,5 Milliarden Menschen in diesen Ländern leben. Die Prognosen sagen, dass bis 2030 etwa 80 Prozent der extrem armen Menschen in diesen Ländern wohnen werden. Ein Großteil der deutschen Kooperation ist weiterhin mit Schwellenländern – in der neuen Länderliste des BMZ stehen China, Indien, Vietnam, Brasilien. In selbiger Liste sind ein Drittel unserer bisherigen Kooperationen mit den ärmsten Ländern gestrichen worden. Das ist natürlich eine gegenläufige Entwicklung gegenüber dem, was eigentlich notwendig wäre.

Ulrich Nitschke: Sie kritisieren die neue Strategie des BMZ 2030 und stellen Herausforderungen dar, die alle miteinander vernetzt sind. Wieso müssen soziale, ökologische, ökonomische Fragen stärker zusammengedacht werden? Und wieso fällt dieses Denken immer wieder auseinander, obwohl es schon seit 1992 mit der Agenda 21 angestoßen wurde?

Prof. Dr. Michael Bohnet: Es fällt deshalb wieder auseinander, weil wir die Instrumente der humanitären Hilfe und die Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland getrennt haben. Teilweise werden die genannten Themen zusammengedacht, aber sie werden nicht zusammen operationalisiert. Wir haben nicht nur ein Entwicklungsministerium, sondern wir haben 13 Entwicklungsministerien, wenn auch nur sehr kleine. Auswärtiges Amt, Umweltministerium, Bildungsministerium, Verteidigungsministerium – alle führen entwicklungspolitische Projekte in Partnerländern durch. Das heißt, dass auf das BMZ nur noch etwa 40 Prozent der deutschen Leistungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit entfallen. Wir brauchen außerdem einen Schritt zur Europäisierung der Entwicklungszusammenarbeit, und es ist bedauerlich, dass keine politische Partei in Deutschland das wirklich zu einem ernsthaften Thema macht.

Ulrich Nitschke: Wäre die Europäisierung der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe eine Stellschraube für ganzheitliche Entwicklungspolitik mit besserer Wirkung?

Prof. Dr. Michael Bohnet: Meine Vision ist die Verlagerung der operativen und konzeptionellen Entwicklungszusammenarbeit aus den 28 Hauptstädten nach Brüssel. Die Europäische Union besitzt bereits eine Vielzahl an Instrumenten der Entwicklungszusammenarbeit, humanitären Hilfe und Demokratieförderung. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass mindestens 10 EU Länder gegenüber einer Europäisierung offen wären. Die Widerstände kommen von den großen Gebern innerhalb der EU. Es bedürfte hier einer gewissen politischen Führung, die nicht so schwer umzusetzen ist.

Ulrich Nitschke: Wo sehen Sie die Chancen und auch die Schwierigkeiten in der Kooperation mit religiös motivierten Akteuren in der Entwicklungszusammenarbeit?

Prof. Dr. Michael Bohnet: Ich halte es zuerst einmal für notwendig und machbar, unsere Entwicklungsprogramme in Kooperationsländern nach entwicklungsfördernden und entwicklungshemmenden Faktoren, die in Religion begründet sind, zu überprüfen. Als Leiter des Inspektionsreferats habe ich viele Projekte evaluiert, in denen beide Faktoren sichtbar wurden. Der Mehrwert einer Entwicklungspolitik, die Religion berücksichtigt, ist, dass viele religiöse Organisationen die Stimme der Unterdrückten widerspiegeln. Mit Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte, waren christliche orientierte Missionsgesellschaften oft die einzigen, die sich gegen die deutsche Kolonialmacht in Kamerun oder Namibia ausgesprochen haben. Ein weiterer Mehrwert ist, dass Entwicklungszusammenarbeit in den Bereichen Gesundheit und Bildung von überwiegend religiös orientierten Organisationen viel präziser und basisorientierter durchgeführt wird. Sie vertreten hier oft die Stimme der Armen. Zudem ist es die Aufgabe von religiös motivierten Organisationen und Stiftungen, den interreligiösen Dialog voranzutreiben, denn dieser ist auch eine Schlüsselfrage für die Entwicklungszusammenarbeit.

Ulrich Nitschke: Zum Abschluss, vervollständigen Sie doch bitte diesen Satz: Wenn ich morgen deutscher Entwicklungsminister würde, würde ich als Erstes…

Prof. Dr. Michael Bohnet: … die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit zusammenführen zu einer eigenständigen schlagkräftigen Entwicklungsorganisation. Es ist eine Anomalie, dass wir die finanzielle und technische Zusammenarbeit getrennt halten. Für die Zusammenführung bräuchte es gewissen politischen Mut. Als Zweites würde ich, die humanitäre Hilfe aus dem Auswärtigen Amt herauslösen und im BMZ mit der technischen Entwicklungszusammenarbeit koppeln, um eine schlagkräftige humanitäre Entwicklungszusammenarbeit einzurichten. Aber solche Entscheidungen, das lehrt mich auch meine Erfahrung, sind nur möglich, wenn sie von jemandem im Kanzleramt notiert und abgezeichnet und in den ersten beiden Tagen der Amtszeit umgesetzt werden.

Ulrich Nitschke: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview.

Prof. Dr. Michael Bohnet: Gerne.

Monitor für Religion und Entwicklung (FiDM)

fünf Kategorien - 500 Sekunden zum Lesen

Faith and existing belief systems do not receive enough attention in global development cooperation despite the fact that human development is inseparably interwoven with worldviews. Development is taking place in all societies and cultures which are deeply influenced by religions. At the same time, faith-based organizations are among the oldest and most influential actors in global and local development cooperation. The Faith in Development Monitor (1) illustrates the relevance of religion for international development cooperation, (2) increases religious literacy among practitioners and policymakers, and (3) comprehensively explains current developments in the field of "religion and development". We encourage readers and recipients to engage in dialogue with faith-based organizations.

Nächste Ausgabe:

9. März 2021

ANMELDUNG

Subscribe to the Faith In Development Monitor

Abonnieren Sie den Monitor für Religion und Entwicklung

* Plichtfeld




Durch das Anklicken des Kästchens „Ich stimme zu.“ erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre persönlichen Daten (Name, Organisation, E-Mail-Adresse) gespeichert und für den Versand des Monitors für Religion und Entwicklung verwendet werden.


Sie können den Newsletter jederzeit abbestellen, indem Sie auf den Link in der Fußzeile unserer E-Mails klicken. Für Informationen über unsere Datenschutzrichtlinien besuchen Sie bitte unsere Website.

Wir nutzen MailChimp als unsere Marketing-Plattform. Durch das Anklicken des Kästchens „Abonnieren“ bestätigen Sie, dass Ihre Informationen zur Bearbeitung an MailChimp weitergeleitet werden dürfen. Mehr über die Datenschutzpraktiken von MailChimp erfahren Sie hier.

Ideen, Worte und Taten für mehr Großartigkeit

Inh.: Matthias Böhning (Dipl.-Oec.), Beratender Betriebs- und Volkswirt

ADRESSE BONN

Reuterstraße 116
53129 Bonn

FON

+49 (0) 228 – 30 42 636 – 0

ADRESSE ACCRA
5th Floor Heritage Towers
Cruickshank Road, off Liberia Road Ambassadorial
Ridge Accra