Leitartikel

Mein Glaube ist mein Inneres Heiligtum - nicht Dein politisches Instrument

Gastbeitrag von Prof. Azza Karam, Generalsekretärin von Religions for Peace International

 

Das Dorf ist meilenweit vom nächsten staatlichen Krankenhaus entfernt, und diese sind überfüllt und ohnehin oft heruntergekommen. Und die Wartezeit auf öffentliche Verkehrsmittel kann sehr lang sein ... Wo soll also eine schwangere junge Frau, die vor der Entbindung Blutungen hat, und mit ihrer Schwiegermutter hadert (die keinen Grund für eine teure medizinische Versorgung sieht, weil sie ihren Sohn zu Hause geboren hat) und die ein schmerzhaftes Brennen in der Brust verspürt, hingehen? Wenn sie genügend Entschlossenheit hat, wird sie wahrscheinlich zu Fuß zur örtlichen Klinik gehen, die an die Moschee (oder die Kirche oder den Tempel oder die Gurdwara) angrenzt.

In den meisten Teilen der Welt, auch in den "am weitesten entwickelten" (wo Covid-19 trotz medizinischer Versorgung in der entwickelten Welt ohnehin schon Verwüstungen angerichtet hat), ist die Klinik (und in Notfällen auch die Schule / die Beraterin / der Lebensmittelmarkt und das Frischwasserdepot) der Ort, an den die meisten gehen. Das ist die entwicklungspolitische und humanitäre Realität - in den meisten Teilen der Welt.

Lange bevor es eine Regierung gab, gab es - und wird es immer geben - Orte der Anbetung. In vielen Ländern erreichen die staatlichen Dienste schon in Zeiten der "Normalität" selten alle. In Zeiten humanitärer Krisen (seien sie nun vom Menschen verursacht oder klimabedingt) können die staatlichen Dienste per definitionem nicht alle erreichen. Religiöse Institutionen sind die ältesten sozialen Dienstleister, die der Menschheit bekannt sind. Tatsächlich sind religiöse Institutionen die ältesten politischen, sozialen, medizinischen, wirtschaftlichen und finanziellen Einrichtungen, die von Menschen geschaffen wurden.

Doch erst Mitte der 1990er Jahre setzte ein starker Zuwachs an Literatur - und der akademischen und politischen Foren - ein, in denen Religion und Entwicklung/ Demokratie/ Menschenrechte/ etc. die Hauptrolle spielen. Seit 2015 gibt es mindestens drei globale Initiativen - alle in der westlichen Welt angesiedelt -, die behaupten, der Ort für "Religion und Entwicklung" zu sein.

Warum dauerte es so lange, das Offensichtliche zu erkennen? Vielleicht hatte es mit zwei Trends zu tun, deren Auswirkungen wir noch heute spüren. Einerseits ist die internationale Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfspraxis den Institutionen vorbehalten, die mit einer europäisch inspirierten säkularen Weltsicht arbeiten - wo Religion bestenfalls als "privat" betrachtet wird.

Andererseits sind die Wunden religiöser Grenzüberschreitungen in politische Räume und der religiöse Diskurs gegen die Menschenrechte Teil der geopolitischen Landkarte von heute. Ob wir nun von Gräueltaten sprechen, die im Namen des Islam begangen wurden, oder von exklusivem Nationalismus einiger evangelikaler oder buddhistischer oder hinduistischer Gruppen, "Religion" ist im öffentlichen Raum präsent - in einer unbequemen Ehe mit dem Politischen.

Nun, da die an der Öffentlichkeit Interessierten sozusagen das Licht der Welt erblickt haben, ist Religion fast jedermanns Sache, von der Entwicklungs- bis zur Außenpolitik, von der Bildung bis zur Friedenssicherung, vom Humanitarismus und der Lokalisierung von Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Das Interesse auf politischer Ebene ist von einer Seite der Waage auf die andere gesprungen - mit einem dumpfen Schlag.

Ich möchte behaupten, dass viele politische Entscheidungsträger*innen von einer übermäßigen Furcht vor der Religion zu einer übermäßigen Hoffnung - und damit zu deren Instrumentalisierung - übergegangen sind.

Für diejenigen, die, wie ich, eine Leidenschaft für alles hat, was mit Glauben zu tun hat, fühlt sich dies wie ein unerwünschtes, respektloses und ignorantes Eindringen an. Denn das Interesse an allem, was Religion betrifft, erkennt nicht die Tatsache an, dass Religionen zwar Institutionen, Dienstleister, politische Akteure und manchmal intellektuelle Bastionen sind, dass es ihnen aber vor allem um unsere tiefsten inneren Orte des Heiligen geht.

Mein Glaube ist kein politisches Instrument - und sollte es auch nicht sein. Er sollte auch kein Instrument in der Toolbox der Entwicklungszusammenarbeit sein. Ebenso wenig sollte mein Glaube eine Methodik oder ein Ansatz sein, um eine Weltsicht zu vermitteln, die sich sauber in Kisten einordnen lässt und/oder in Vorschläge verpackt werden kann, auf deren Grundlage das Geschäft der internationalen Entwicklung - und ihre anhaltende Unempfindlichkeit - wie gewohnt abläuft.

Mein Glaube ist mein inneres Heiligtum. Nicht Dein politisches Instrument.

Die Arbeit mit Religion und religiösen Akteuren unterschiedlicher Couleur und Ausprägung sollte eine Erfahrung der Demut sein. Bestenfalls eine Gelegenheit zu erfahren, wie jene Gemeinwesen und Institutionen, die lange vor den säkularen Einrichtungen bestanden, unzähligen Menschen gedient haben und dies auch weiterhin tun. Im schlimmsten Fall ist es ein Mittel geworden, Annahmen über alle Weltanschauungen und die darauf basierenden Handlungen in Frage zu stellen. Doch die gleichen alten Weltanschauungen haben wenig gelernt und stellen sich selbst noch weniger in Frage - ob sie säkular oder religiös sind.

Das Geldgeschäft der internationalen Entwicklung schreitet mit geldwerten (und immer noch weitgehend christlichen) Organisationen voran, die noch mehr Millionen anziehen und mit Gewissheit über alle Religionen und in ihrem Namen sprechen, während sich die interreligiösen Initiativen von Projekt zu Projekt kämpfen müssen. Aber warum die politischen Entscheidungsträger*innen mit ihrer säkularen Weltsicht schelten, wenn die vom Glauben inspirierten Akteure selbst die entscheidende Rolle darin zu spielen haben, wie sie ihre eigenen Missionen verkaufen – Entschuldigung - kommunizieren?

In Zeiten von Covid-19 lernen wir viele Lektionen. Einige davon sind, dass unsere Verwundbarkeit als menschliche Wesen ungeachtet unseres Glaubens, unserer Rasse, unseres Geschlechts, unserer ethnischen Zugehörigkeit oder unserer Nation mit allen geteilt wird. Unsere Institutionen befinden sich in einer Legitimationskrise, und Führungsqualitäten werden immer seltener und kostbarer.

Diejenigen, die Politik betreiben, die Menschenleben berühren soll - überall auf der Welt, unabhängig von ihrer säkularen oder religiösen Ausrichtung - müssen sich bewusst sein, dass der Glaube weder käuflich noch (miss-)brauchbar ist. Alle Religionen bedürfen ihrer angemessenen Räume in unseren Gesellschaften. Das bedeutet, dass alle Religionen als Teil eines politischen Ganzen gesehen werden müssen. Aber diese Wertschätzung menschlicher Bestrebungen wird nicht stattfinden, wenn wir uns der Religion bedienen oder ihren exklusiven Einfluss oder Wohlstand anstreben.

Um den Webteppich der Schöpfung - menschlich und planetarisch - zu sehen, müssen wir uns unserer eigenen Menschlichkeit bewusst sein. In meinem Glauben, dem Islam, wurde mir beigebracht, dass mein Lernen des Göttlichen die übrige Schöpfung mit einbeziehen muss. Und dass ich, um zu lernen, dienen muss. Und um zu dienen, muss ich wissen, dass ich nichts weiß.

Für mich war Descartes also ein Gläubiger. Sein Idiom war "Ich denke, also bin ich". So ist es für mich: Ich habe Glauben, also bin ich. Geben Sie also dem Caesar das, was Sie als sein (ihres?) erachten, indem Sie den Wert der Religion und ihrer unzähligen Institutionen mit allen Mitteln anerkennen. Aber versuchen Sie nicht, meinen Glauben zu instrumentalisieren.

 

Prof. Azza Karam ist seit August 2019 die erste weibliche Generalsekretärin von Religions for Peace International in New York und Professorin für Religion und Entwicklung an der Freien Universität von Amsterdam. Davor hat sie über 15 Jahre in der UN die Einsicht verfochten, dass religiös motivierte Organisationen eines eigenen Platzes am Tisch der multilateralen Organisationen bedürfen und eine eigenständige Stimme sind. Die UN-Institutionen übergreifende Arbeitsgruppe zu Religion und Entwicklung, der heute 20 UN-Organisationen angehören, hat sie aufgebaut und geleitet. Prof. Karam gilt international als eine der einflussreichsten Stimmen in der Auseinandersetzung um Religion, Entwicklung und Außenpolitik sowie deren institutionelle Zusammenarbeit.

 

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Religionen und Glaube erfahren zu wenig Beachtung und Respekt in der globalen Entwicklungszusammenarbeit. Und das, obwohl menschliche Entwicklung untrennbar mit Weltanschauungen verwoben ist. Entwicklung findet statt, in allen Gesellschaften und Kulturen, und sie ist zutiefst von Glaubenseinflüssen und -einstellungen geprägt. Gleichzeitig zählen religiöse Organisationen zu den ältesten und wirkungsmächtigsten Akteuren der globalen wie lokalen Entwicklungszusammenarbeit. Der Faith In Development Monitor leistet einen Beitrag dazu, (1) die Relevanz von Religion für die internationale Entwicklungszusammenarbeit zu verdeutlichen, (2) Religionskompetenz unter Praktikern und politischen Entscheidungsträgern zu erhöhen und (3) aktuelle Entwicklungen im Themenfeld „Religion und Entwicklung“ nachvollziehbar zu erklären. Damit wollen wir ermutigen, sich dem Dialog mit glaubensbasierten Organisationen zu stellen.
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