Akademie für Religionskompetenz

Von meinem Standpunkt aus gesehen:

Religionskompetenz bedeutet zunächst Demut

Wir sind verschieden, in weit voneinander entfernten Ländern aufgewachsen, spirituell in unseren eigenen Traditionen und Glaubenssystemen verankert, weiblich und männlich, jung und alt, krank oder gesund, infiziert oder nicht infiziert. Und doch sind wir alle miteinander verbunden, aufgrund der geteilten Menschenwürde, die uns schließlich zu einer großen menschlichen Familie macht, ob wir nun gläubig sind oder nicht. Wenn Menschen zusammenkommen, um durchzuatmen und ruhig zu werden für Momente der Besinnung und des Gebets, dann scheint es, als ob alle die Kraft des Vertrauens in ein höheres Wesen spüren können.

Die Covid-19-Pandemie stellt alles in Frage. Sie bringt das Schlechte und das Gute im Menschen zum Vorschein. Das ist verständlich, da wir dieses Einssein vor dem Göttlichen fühlen und die Verletzlichkeit von uns Menschen sehen, die mehr voneinander abhängig sind, als wir vor allem in westlichen individualisierten Gesellschaften gedacht hätten. Aber seien wir ehrlich. Wir betrachten sehr unterschiedliche Grade der Verwundbarkeit. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung und Tests, zu sauberem Wasser und medizinischer Behandlung, zu Krankenhäusern und Lebensmitteln, zu Arbeit und Wohlstand, zu Breitband-Internet und Gärten, zu Bildung und Einkommen ist sehr unterschiedlich.

In solchen Zeiten der Krise bieten Glaubensgemeinschaften und ihre religiösen Führer*Innen Fürsorge und psychosoziale Beratung, versorgen mit Nahrung und Gesundheitsdiensten, besuchen alte und kranke Menschen, bieten spirituelle Orientierung. Und noch einmal, seien wir ehrlich. Diese Perspektive spiegelt vielmehr die Weltsicht aus dem globalen Norden wider, die säkulare und wohlhabende Perspektive, in der Religionsgemeinschaften als ein Instrument des Sozialstaates betrachtet werden. Für 85% der Weltbevölkerung ist die Rolle der Religionsgemeinschaften und -führer Teil ihres alltäglichen Lebens. Alles, was ich hier aufgelistet habe, ist Realität und nicht aufgeteilt in politisches und öffentliches Leben auf der einen Seite und in Privatsphäre und religiöse Praxis auf der anderen Seite.

Das bedeutet, dass in Zeiten wie diesen, religiöse Leiter*Innen und Institutionen eine besondere Verantwortung für ihre Gemeinschaften und die Gesellschaften, denen sie angehören, tragen. Dies gilt für alle Regionen der Welt. Es gilt, die Stigmatisierung zu überwinden, sich um die Schwächsten zu kümmern und gleichzeitig für den direkten Zugang zu Dienstleistungen und humanitärer Hilfe einzutreten, die Regierungen und multilaterale Organisationen zur Verfügung stellen. Welch eine Herausforderung und Verantwortung für die säkularen Institutionen und politischen Systeme wie auch für die Religionsführer*Innen und religiöse Organisationen. Aber eigentlich ist das gar nicht so schwierig. Wenn wir alle in Demut und Respekt voreinander miteinander umgehen und nicht nur auf den eigenen Vorteil schauen. Wenn wir einander aufmerksam zuhören und die Unterschiede und Überzeugungen sowie die säkularen Systeme und die Sprache respektieren, gemeinsam schlechte und gute Praxis erkennen, vor den Differenzen, die wir haben, nicht zurückschrecken, sondern uns trotz der Unterschiede wirklich gegenseitig ermutigen - dann werden wir die Veränderungen möglich machen, die der Planet und die Menschen dringend benötigen, um das Leben auf der Erde hoffentlich in einer viel gesünderen Weise als vor der COVID-19-Krise fortzusetzen. Wie Prof. Azza Karam hier im Einleitungsartikel gut beschrieben hat, es geht nicht darum, den Glauben für politische Zwecke zu instrumentalisieren, sondern die durch Religionen inspirierten Organisationen und Institutionen an der Basis mit den notwendigen Mitteln auszustatten, um den Schwächsten das Leben zu erleichtern.

 

Ulrich Nitschke leitet seit Anfang März 2020 als Seniorberater PIRONs Team zu Religion und Entwicklung. Ulrich arbeitete 20 Jahre in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit im Auftrag der GIZ und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie für das Auswärtige Amt. Als Ideengeber der Internationalen Partnerschaft für Religion und Nachhaltige Entwicklung war Ulrich Nitschke als Sekretariatsleiter für deren Aufbau und Weiterentwicklung verantwortlich. Als ausgebildeter Theologe und Politikwissenschaftler mit viel Erfahrung in verschiedenen Ländern der Welt spezialisierte er sich auf Programmmanagement in den Bereichen gute Regierungsführung und zivilgesellschaftliche Entwicklungsprojekte. Mehr unter  http://www.piron.global/themen/faithindevelopment/.

 

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Dienstag, 30. Juni 2020

Über den Monitor

Religionen und Glaube erfahren zu wenig Beachtung und Respekt in der globalen Entwicklungszusammenarbeit. Und das, obwohl menschliche Entwicklung untrennbar mit Weltanschauungen verwoben ist. Entwicklung findet statt, in allen Gesellschaften und Kulturen, und sie ist zutiefst von Glaubenseinflüssen und -einstellungen geprägt. Gleichzeitig zählen religiöse Organisationen zu den ältesten und wirkungsmächtigsten Akteuren der globalen wie lokalen Entwicklungszusammenarbeit. Der Faith In Development Monitor leistet einen Beitrag dazu, (1) die Relevanz von Religion für die internationale Entwicklungszusammenarbeit zu verdeutlichen, (2) Religionskompetenz unter Praktikern und politischen Entscheidungsträgern zu erhöhen und (3) aktuelle Entwicklungen im Themenfeld „Religion und Entwicklung“ nachvollziehbar zu erklären. Damit wollen wir ermutigen, sich dem Dialog mit glaubensbasierten Organisationen zu stellen.
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